Stundensatz berechnen 2026 - Selbstständige
Stundensatz berechnen für Selbstständige 2026: Formel, alle Kosten einrechnen (SVS, ESt, Betriebskosten) und branchenübliche Sätze.
Warum viele Selbstständige zu wenig verlangen
Einer der grössten Fehler, den Selbstständige und Freiberufler machen, ist die falsche Berechnung ihres Stundensatzes. Viele orientieren sich an Angestelltengehältern, vergessen dabei aber, dass sie als Selbstständige deutlich höhere Kosten tragen müssen — von SVS-Beiträgen über Einkommensteuer bis hin zu Betriebskosten, Urlaub und Krankenstand. In diesem
Warum so viele Selbstständige zu wenig verlangen
Eine Studie der WKO zeigt: Rund 40 % der Ein-Personen-Unternehmen (EPU) in Österreich erzielen ein Einkommen, das unter dem Durchschnittsgehalt vergleichbarer Angestellter liegt. Der Hauptgrund: Der Stundensatz wird zu niedrig angesetzt.
Typischer Denkfehler: “Als Angestellter habe ich 3.500 Euro brutto verdient. Bei 160 Arbeitsstunden pro Monat sind das 21,88 Euro pro Stunde. Also verlange ich 25 Euro — das ist ja sogar mehr.”
Das Problem: Als Angestellter zahlt der Arbeitgeber zusätzlich SV-Beiträge (ca. 21 %), stellt Büro, Equipment und Software bereit, übernimmt Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall und vieles mehr. Als Selbstständiger müssen Sie all das selbst finanzieren.
Die Grundformel für den Stundensatz
Die Berechnung des Stundensatzes folgt einer einfachen Grundformel:
Stundensatz = (Gesamtkosten + Gewünschter Gewinn) / Produktive Stunden pro Jahr
Die Herausforderung liegt darin, alle Komponenten korrekt zu erfassen.
Schritt 1: Produktive Stunden ermitteln
Die produktiven Stunden sind die Stunden, die Sie tatsächlich an bezahlten Kundenprojekten arbeiten. Sie sind deutlich geringer als die theoretische Arbeitszeit:
Berechnung der produktiven Stunden:
| Faktor | Tage/Stunden |
|---|---|
| Kalendertage pro Jahr | 365 |
| Abzüglich Wochenenden | -104 |
| Abzüglich Feiertage | -13 |
| Abzüglich Urlaub | -25 |
| Abzüglich Krankenstand/Arzt | -10 |
| Arbeitstage netto | 213 |
| Arbeitsstunden (8h/Tag) | 1.704 |
| Abzüglich unproduktive Zeit (30 %) | -511 |
| Produktive Stunden pro Jahr | 1.193 |
Was zählt zur unproduktiven Zeit (30 %)?
- Buchhaltung und Administration
- Akquise und Angebotserstellung
- Marketing und Networking
- Weiterbildung
- E-Mails und Telefonate (nicht projektbezogen)
- IT-Wartung und Updates
Realistische Schätzung: Die meisten Selbstständigen kommen auf 1.000 bis 1.300 produktive Stunden pro Jahr. Für die Berechnung empfehlen wir einen konservativen Wert von 1.100 bis 1.200 Stunden.
Schritt 2: Alle Kosten erfassen
Als Selbstständiger in Österreich müssen Sie folgende Kosten einkalkulieren:
A. Sozialversicherung (SVS)
Die Sozialversicherung der Selbstständigen (SVS) ist der grösste Einzelposten:
| SVS-Beitrag | Prozentsatz 2026 |
|---|---|
| Pensionsversicherung | 18,50 % |
| Krankenversicherung | 6,80 % |
| Unfallversicherung | Fixbetrag ca. 131 Euro/Jahr |
| Selbstständigenvorsorge | 1,53 % |
| Gesamt (ohne UV) | ca. 26,83 % |
Achtung: Die SVS-Beiträge werden von der Beitragsgrundlage berechnet, nicht vom Umsatz. Die Beitragsgrundlage entspricht in etwa dem Gewinn. In den ersten Jahren gelten Mindestbeitragsgrundlagen.
Höchstbeitragsgrundlage 2026: 6.930 Euro monatlich (97.020 Euro jährlich). Außerdem fallen keine weiteren SVS-Beiträge an.
Beispiel: Bei einem Jahresgewinn von 50.000 Euro betragen die SVS-Beiträge ca. 13.415 Euro (26,83 %) plus Unfallversicherung.
B. Einkommensteuer
Die Einkommensteuer (ESt) wird auf den Gewinn nach Abzug der SVS-Beiträge berechnet. In Österreich gelten 2026 folgende Steuerstufen:
| Einkommen | Steuersatz |
|---|---|
| Bis 13.539 Euro | 0 % |
| 13.539 bis 21.992 Euro | 20 % |
| 21.992 bis 36.458 Euro | 30 % |
| 36.458 bis 70.365 Euro | 40 % |
| 70.365 bis 104.859 Euro | 48 % |
| 104.859 bis 1.000.000 Euro | 50 % |
| Über 1.000.000 Euro | 55 % |
Beispiel: Bei einem steuerpflichtigen Einkommen von 40.000 Euro (nach Abzug aller Betriebsausgaben und SVS) beträgt die Einkommensteuer ca. 8.600 Euro (effektiver Steuersatz: ca. 21,5 %).
C. Betriebskosten
Typische Betriebskosten für Selbstständige:
| Kostenkategorie | Monatlich (ca.) | Jährlich (ca.) |
|---|---|---|
| Büro/Coworking oder Heimarbeitsplatz | 200-800 Euro | 2.400-9.600 Euro |
| Computer, Hardware | 50-100 Euro | 600-1.200 Euro |
| Software und Lizenzen | 50-200 Euro | 600-2.400 Euro |
| Telefon und Internet | 50-100 Euro | 600-1.200 Euro |
| Berufshaftpflichtversicherung | 30-100 Euro | 360-1.200 Euro |
| Steuerberater | 100-300 Euro | 1.200-3.600 Euro |
| Weiterbildung | 50-200 Euro | 600-2.400 Euro |
| Marketing und Werbung | 100-500 Euro | 1.200-6.000 Euro |
| Reisekosten | 50-200 Euro | 600-2.400 Euro |
| Büromaterial, Porto | 20-50 Euro | 240-600 Euro |
| WKO-Mitgliedschaft | variabel | 100-500 Euro |
| Summe | 750-2.650 Euro | 8.500-31.100 Euro |
D. Private Lebenshaltungskosten
Als Selbstständiger müssen Sie von Ihrem Gewinn auch Ihre Lebenshaltungskosten bestreiten:
| Posten | Monatlich (ca.) |
|---|---|
| Miete/Wohnen | 800-1.500 Euro |
| Lebensmittel | 400-600 Euro |
| Mobilität | 200-400 Euro |
| Versicherungen (privat) | 100-300 Euro |
| Freizeit, Kleidung, Sonstiges | 300-500 Euro |
| Rücklagen/Altersvorsorge | 200-500 Euro |
| Summe | 2.000-3.800 Euro |
Schritt 3: Stundensatz berechnen — Konkrete Beispielrechnung
Beispiel: IT-Freelancer in Wien
| Position | Betrag/Jahr |
|---|---|
| Gewünschtes Netto-Einkommen | 42.000 Euro |
| SVS-Beiträge (ca. 26,83 % vom Gewinn) | 18.400 Euro |
| Einkommensteuer (ca. 22 % effektiv) | 13.500 Euro |
| Betriebskosten | 15.000 Euro |
| Gesamtbedarf (Umsatz) | 88.900 Euro |
| Produktive Stunden | 1.150 Stunden |
| Stundensatz netto (ohne USt) | 77,30 Euro |
| Stundensatz brutto (mit 20 % USt) | 92,76 Euro |
Wichtig: Der Stundensatz von 77,30 Euro netto klingt auf den ersten Blick hoch, ergibt aber nur ein Netto-Einkommen von 3.500 Euro monatlich — vergleichbar mit einem Angestelltengehalt von ca. 4.800 Euro brutto (mit 14 Gehältern und allen Nebenleistungen).
Stundensatz-Tabelle: Was Sie verlangen müssen
Basierend auf verschiedenen Einkommensniveaus:
| Gewünschtes Netto/Monat | Netto/Jahr | Erforderlicher Umsatz ca. | Stundensatz netto |
|---|---|---|---|
| 2.500 Euro | 30.000 Euro | 60.000 Euro | 52 Euro |
| 3.000 Euro | 36.000 Euro | 72.000 Euro | 63 Euro |
| 3.500 Euro | 42.000 Euro | 89.000 Euro | 77 Euro |
| 4.000 Euro | 48.000 Euro | 103.000 Euro | 90 Euro |
| 5.000 Euro | 60.000 Euro | 135.000 Euro | 117 Euro |
| 6.000 Euro | 72.000 Euro | 168.000 Euro | 146 Euro |
(Basis: 1.150 produktive Stunden, durchschnittliche Kostenstruktur)
Branchenübliche Stundensätze in Österreich 2026
| Branche | Stundensatz netto (Spanne) |
|---|---|
| IT-Entwicklung (Junior) | 60-80 Euro |
| IT-Entwicklung (Senior) | 90-140 Euro |
| IT-Beratung/Architektur | 120-200 Euro |
| SAP-Beratung | 130-200 Euro |
| Grafik-/Webdesign | 60-100 Euro |
| Marketing/PR-Beratung | 70-120 Euro |
| Unternehmensberatung | 100-250 Euro |
| Steuerberatung | 100-200 Euro |
| Rechtsanwalt | 150-400 Euro |
| Handwerk (Elektriker, Installateur) | 50-80 Euro |
| Text/Content-Erstellung | 50-90 Euro |
| Übersetzung | 40-70 Euro |
| Fotografie | 60-150 Euro |
| Coaching/Training | 100-200 Euro |
Stundensatz vs. Pauschalpreis — Was ist besser?
Die Entscheidung zwischen Stundensatz und Pauschalpreis hängt von mehreren Faktoren ab:
Stundensatz eignet sich bei:
- Unklarem Projektumfang (Anforderungen ändern sich häufig)
- Laufender Beratung oder Support
- Maintenance und Wartungsarbeiten
- Wenn der Kunde Flexibilität wünscht
Pauschalpreis eignet sich bei:
- Klar definierten Projekten mit fixem Scope
- Wiederkehrenden Standardleistungen
- Wenn Sie schneller sind als der Durchschnitt (Sie profitieren von Effizienz)
- Wenn der Kunde Budgetsicherheit benötigt
Tagessatz als Alternative
Viele Selbstständige bieten einen Tagessatz statt eines Stundensatzes an. Dies ist besonders in der Beratung und bei Projektarbeit üblich:
Tagessatz = Stundensatz x 8 Stunden (abzüglich ca. 5-10 % Rabatt)
Ein Stundensatz von 100 Euro ergibt einen Tagessatz von ca. 720 bis 760 Euro.
Stundensatz erhöhen — Strategien
Wenn Ihr aktueller Stundensatz zu niedrig ist, gibt es verschiedene Wege zur Erhöhung:
1. Spezialisierung Generalisten verdienen weniger als Spezialisten. Positionieren Sie sich als Experte in einer Nische.
2. Referenzen und Portfolio aufbauen Erfolgreiche Projekte und zufriedene Kunden sind das beste Argument für höhere Honorare.
3. Kontinuierliche Weiterbildung Aktuelle Zertifizierungen und Kenntnisse rechtfertigen höhere Sätze.
4. Wertbasierte Preisgestaltung Statt nach Stunden abzurechnen, berechnen Sie den Preis nach dem Wert, den Ihre Arbeit für den Kunden schafft.
5. Schrittweise Erhöhung Erhöhen Sie Ihre Preise regelmässig — mindestens jährlich um die Inflationsrate (2026: ca. 3 %). Neue Kunden erhalten den neuen Satz, Bestandskunden werden mit Vorlaufzeit informiert.
6. Kleinaufträge meiden Kleine Aufträge mit viel Verwaltungsaufwand sind oft unwirtschaftlich. Setzen Sie einen Mindestauftragswert oder Mindestpauschale.
Stundensatz für Neugründer
Als Neugründer in Österreich gibt es einige Besonderheiten:
- Neugründerförderung: In den ersten 3 Jahren entfallen bestimmte Gebühren (NeuFöG)
- SVS-Mindestbeitragsgrundlage: In den ersten 3 Jahren gelten reduzierte Mindestbeiträge
- Kleinunternehmerregelung: Bis 55.000 Euro Umsatz pro Jahr keine USt-Pflicht (dafür auch kein Vorsteuerabzug)
Tipp für Neugründer: Auch wenn Sie am Anfang weniger Erfahrung haben, sollten Sie Ihren Stundensatz nicht zu niedrig ansetzen. Ein einmal etablierter niedriger Preis ist schwer zu erhöhen. Lieber etwas weniger Aufträge zu angemessenen Preisen als viele Aufträge, von denen Sie nicht leben können.
Stundensatz für verschiedene Branchen — Detailanalyse
IT-Freelancer und Softwareentwickler
IT-Freelancer sind die am besten bezahlte Gruppe unter den Selbstständigen. Die Stundensätze variieren je nach Technologie, Erfahrung und Spezialisierung erheblich:
Junior (0-3 Jahre Erfahrung): 60 bis 80 Euro Typische Aufgaben: Frontend-Entwicklung, einfache Backend-Entwicklung, Testing, Support. Als Junior-Freelancer ist es schwieriger, Kunden zu akquirieren. Viele starten über Vermittlungsplattformen.
Mid-Level (3-7 Jahre): 80 bis 120 Euro Typische Aufgaben: Full-Stack-Entwicklung, Datenbankdesign, API-Entwicklung, DevOps. Mit einem soliden Portfolio und Referenzen lassen sich stabile Kundenbeziehungen aufbauen.
Senior (7+ Jahre): 100 bis 150 Euro Typische Aufgaben: Architektur, technische Leitung, komplexe Systeme, Performance-Optimierung. Senior-Freelancer werden oft direkt angefragt und benötigen kaum aktive Akquise.
Spezialist/Berater: 120 bis 200+ Euro Bereiche wie SAP-Beratung, IT-Security, Cloud-Architektur (AWS, Azure), Data Science oder KI-Entwicklung erreichen Premium-Stundensätze von 150 bis 200 Euro und darüber.
Grafik- und Webdesigner
Design-Freelancer haben eine grosse Bandbreite an Stundensätzen:
- Webdesign: 60 bis 100 Euro (höher bei UX/UI-Spezialisierung)
- Grafikdesign: 50 bis 90 Euro
- Corporate Design/Branding: 80 bis 120 Euro
- Motion Design/Animation: 80 bis 130 Euro
Tipp: Im Designbereich sind Pauschalpreise oft sinnvoller als Stundensätze. Ein Logo-Design für 2.000 Euro pauschal ist transparenter für den Kunden als 20 Stunden zu je 100 Euro.
Berater und Trainer
Unternehmensberater und Trainer erzielen überdurchschnittliche Stundensätze:
- Management-Beratung: 120 bis 250 Euro
- Personalberatung: 100 bis 180 Euro
- Steuer-/Rechtsberatung: 100 bis 200 Euro
- Coaching/Training: 100 bis 200 Euro
- Organisationsentwicklung: 120 bis 180 Euro
Handwerker und technische Dienstleister
Auch Handwerker müssen ihren Stundensatz kalkulieren:
- Elektriker: 50 bis 80 Euro
- Installateur (Gas/Wasser): 55 bis 85 Euro
- Tischler: 50 bis 75 Euro
- Maler/Anstreicher: 40 bis 65 Euro
- KFZ-Mechaniker: 80 bis 120 Euro (Werkstattstundensatz)
Beachten Sie: Diese Sätze beinhalten oft einen Materialaufschlag und Fahrtkosten, die separat verrechnet werden.
Häufige Fehler bei der Stundensatz-Kalkulation
Vermeiden Sie diese typischen Kalkulationsfehler:
- Angestelltendenken: Den Bruttolohn durch Stunden teilen und 10 % draufschlagen — das ist viel zu wenig
- Produktive Stunden überschätzen: Nicht 2.080 Stunden (52 Wochen x 40 Stunden) ansetzen, sondern realistisch 1.100 bis 1.200
- SVS-Beiträge vergessen: Die Sozialversicherung frisst ca. 27 % des Gewinns
- Keine Rücklagen: Kein Puffer für schlechte Monate, Investitionen oder Nachzahlungen (Finanzamt, SVS)
- Umsatzsteuer verwechseln: Die USt gehört nicht Ihnen — sie wird durchgeleitet. Kalkulieren Sie immer netto
- Akquisezeit nicht einrechnen: 20 bis 40 % der Arbeitszeit gehen für unbezahlte Tätigkeiten drauf
- Preisdumping aus Angst: Zu niedrige Preise ziehen die falschen Kunden an und führen in die Erschöpfung
Stundensatz und Angebotserstellung
Bei der Angebotserstellung ist die Kommunikation des Stundensatzes entscheidend:
Variante 1: Transparenter Stundensatz “Mein Stundensatz beträgt 95 Euro netto zzgl. USt. Für das beschriebene Projekt schätze ich einen Aufwand von ca. 40 Stunden.”
Variante 2: Pauschalangebot mit Stundenbasis “Für die Umsetzung des Projekts biete ich einen Pauschalpreis von 3.500 Euro netto an. Dies beinhaltet alle beschriebenen Leistungen.”
Variante 3: Tagessatz “Mein Tagessatz beträgt 720 Euro netto. Das Projekt erfordert voraussichtlich 5 Beratertage.”
Variante 4: Retainer-Modell “Für laufende Betreuung biete ich ein Monatspaket von 15 Stunden zu 85 Euro/Stunde an (Gesamtpreis: 1.275 Euro netto/Monat).”
Kleinunternehmerregelung und Stundensatz
Als Kleinunternehmer (Umsatz bis 55.000 Euro/Jahr) verrechnen Sie keine Umsatzsteuer. Ihr Stundensatz ist für den Kunden der Endpreis:
- Vorteil: Für Privatkunden und nicht-vorsteuerabzugsberechtigte Kunden ist Ihr Preis um 20 % günstiger als der eines USt-pflichtigen Anbieters.
- Nachteil: Sie können keinen Vorsteuerabzug geltend machen. Investitionen und Betriebskosten sind um 20 % teurer.
Rechenbeispiel:
- Regulär USt-pflichtig: 80 Euro netto + 16 Euro USt = 96 Euro brutto
- Kleinunternehmer: 80 Euro (= Endpreis, keine USt)
- Differenz für den Kunden: 16 Euro günstiger
Stundensatz und Preisverhandlung mit Kunden
Die Preisverhandlung ist für viele Selbstständige eine Herausforderung. Hier bewährte Strategien:
1. Wert statt Kosten kommunizieren Sprechen Sie nicht über Ihre Kosten, sondern über den Wert, den Sie für den Kunden schaffen. “Durch meine Optimierung sparen Sie 20.000 Euro pro Jahr” ist überzeugender als “Ich brauche 30 Stunden zu 100 Euro”.
2. Ankereffekt nutzen Nennen Sie zuerst einen etwas höheren Preis als Ihren Wunschpreis. Der Kunde verhandelt dann nach unten — auf Ihr tatsächliches Ziel.
3. Paketpreise anbieten Bieten Sie drei Pakete an (Basic, Standard, Premium). Die meisten Kunden wählen das mittlere Paket — platzieren Sie dort Ihr Wunschangebot.
4. Rabatte vermeiden Statt Rabatte zu geben, bieten Sie lieber zusätzliche Leistungen an. Ein Rabatt senkt Ihren wahrgenommenen Wert dauerhaft.
5. Zahlungsbedingungen als Verhandlungsmasse Bieten Sie Skonto bei schneller Zahlung (z. B. 2 % Skonto bei Zahlung innerhalb von 7 Tagen) statt den Stundensatz zu senken.
Stundensatz regelmässig überprüfen
Überprüfen und aktualisieren Sie Ihren Stundensatz mindestens einmal jährlich:
- Inflation einbeziehen: Erhöhen Sie Ihren Satz mindestens um die Inflationsrate (2026: ca. 3 %)
- Erfahrungszuwachs: Mit jedem Jahr wächst Ihre Expertise — das rechtfertigt höhere Preise
- Marktentwicklung: Beobachten Sie die Preisentwicklung in Ihrer Branche
- Kostenentwicklung: SVS-Beiträge, Mieten und andere Kosten steigen regelmässig
- Auslastung: Wenn Sie permanent zu 100 % ausgelastet sind, ist Ihr Preis zu niedrig
Faustregel: Wenn mehr als 80 % Ihrer Angebote angenommen werden, sind Sie vermutlich zu günstig. Eine gesunde Ablehnungsquote liegt bei ca. 30 bis 40 %.
Stundensatz im internationalen Vergleich
Österreichische Selbstständige bewegen sich im europäischen Mittelfeld der Stundensätze:
| Land | IT-Freelancer (Senior, ca.) | Design (ca.) | Beratung (ca.) |
|---|---|---|---|
| Schweiz | 130-200 CHF | 100-150 CHF | 180-300 CHF |
| Deutschland | 80-130 Euro | 60-100 Euro | 100-200 Euro |
| Österreich | 90-140 Euro | 60-100 Euro | 100-200 Euro |
| Niederlande | 80-120 Euro | 60-90 Euro | 90-180 Euro |
| Spanien | 40-80 Euro | 30-60 Euro | 60-120 Euro |
| Polen | 30-60 Euro | 20-40 Euro | 40-80 Euro |
Die niedrigeren Stundensätze in Süd- und Osteuropa schaffen durch Remote-Arbeit einen zunehmenden Wettbewerbsdruck. Österreichische Freelancer können sich durch Qualität, Zuverlässigkeit, Sprachkenntnisse und räumliche Nähe zum Kunden differenzieren.
Stundensatz-Checkliste für 2026
Nutzen Sie diese Checkliste, um Ihren Stundensatz zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen:
- Alle Betriebskosten vollständig erfasst (Büro, Software, Hardware, Telefon, Versicherung, Steuerberater)
- SVS-Beiträge korrekt einkalkuliert (ca. 27 % des Gewinns)
- Einkommensteuer berücksichtigt (effektiver Steuersatz nach Gewinnhöhe)
- Produktive Stunden realistisch geschätzt (max. 1.100-1.300 pro Jahr)
- Urlaub eingerechnet (mindestens 25 Tage)
- Krankenstand berücksichtigt (mindestens 10 Tage)
- Unproduktive Zeit einkalkuliert (Akquise, Verwaltung, Weiterbildung — ca. 30 %)
- Gewünschtes Netto-Einkommen definiert
- Rücklagen für Investitionen und Schwankungen eingeplant
- Jährliche Preisanpassung an Inflation vorgesehen
- Marktniveau der Branche recherchiert und verglichen
Stundensatz und SVS-Beiträge im Detail
Die SVS-Beiträge sind der grösste Kostenfaktor für Selbstständige in Österreich. Verstehen Sie die Berechnung im Detail:
Nachbemessung: Die SVS berechnet die Beiträge im aktuellen Jahr auf Basis einer vorläufigen Beitragsgrundlage (basierend auf dem Einkommen von vor 3 Jahren). Sobald der aktuelle Steuerbescheid vorliegt, erfolgt eine Nachbemessung. Dies kann zu erheblichen Nachzahlungen führen, wenn das Einkommen gestiegen ist.
SVS-Nachzahlungen einkalkulieren: Legen Sie mindestens 27 % Ihres Gewinns für SVS-Beiträge zurück — auch wenn die aktuellen Vorschreibungen niedriger sind. So vermeiden Sie böse Überraschungen bei der Nachbemessung.
Opting-in zur Arbeitslosenversicherung: Seit 2009 können sich Selbstständige freiwillig zur Arbeitslosenversicherung anmelden. Der Beitrag beträgt je nach gewählter Stufe ca. 88, 175 oder 263 Euro monatlich. Dies gibt Ihnen ein Sicherheitsnetz bei Auftragsflauten — berücksichtigen Sie diese Kosten im Stundensatz.
GSVG-Befreiung für Kleinstunternehmer: Wenn Ihr Jahresumsatz unter 55.000 Euro und Ihr Jahresgewinn unter 6.221,28 Euro liegt, können Sie sich von der Kranken- und Pensionsversicherung befreien lassen. Das senkt Ihre Kosten, reduziert aber auch Ihren Versicherungsschutz und Ihre Pensionsansprüche.
Stundensatz und Einkommensteuer-Vorauszahlungen
Das Finanzamt schreibt Einkommensteuer-Vorauszahlungen vor, die vierteljährlich fällig sind. Diese Vorauszahlungen basieren auf dem letzten Steuerbescheid und werden automatisch um einen Erhöhungsbetrag angepasst.
Wichtig für die Stundensatzkalkulation:
- Legen Sie ca. 25 bis 30 % des Gewinns für die Einkommensteuer zurück
- Planen Sie die quartalsweisen Vorauszahlungstermine ein (15.2., 15.5., 15.8., 15.11.)
- Beantragen Sie bei sinkenden Einkünften eine Herabsetzung der Vorauszahlungen beim Finanzamt
- Bei steigenden Einkünften drohen Nachzahlungen — bauen Sie Rücklagen auf
Stundensatz-Kalkulation für verschiedene Geschäftsmodelle
Freelancer (Projektarbeit)
Typisches Modell: Auftragsbasierte Arbeit mit wechselnden Kunden
| Faktor | Annahme |
|---|---|
| Auslastung | 70-85 % der produktiven Stunden |
| Akquiseaufwand | 15-25 % der Arbeitszeit |
| Zahlungsziele | 14-30 Tage (Liquiditätspuffer nötig) |
| Risikozuschlag | 10-15 % auf den Basisstundensatz |
Berater (laufende Mandate)
Typisches Modell: Retainer-Verträge und Beratungsmandate
| Faktor | Annahme |
|---|---|
| Auslastung | 60-75 % (höherer Vorbereitungsaufwand) |
| Wissensaufbau | 20-30 % der Arbeitszeit für Recherche |
| Kundenbindung | Höher, weniger Akquise nötig |
| Tagessatz | Üblicher als Stundensatz |
Kreativer (Design, Text, Foto)
Typisches Modell: Projektbasiert mit kreativer Vorarbeit
| Faktor | Annahme |
|---|---|
| Auslastung | 60-75 % (Kreativarbeit braucht Pausen) |
| Konzeption | 30-40 % der Zeit für Ideenfindung |
| Korrekturrunden | Mindestens 2 Korrekturrunden einkalkulieren |
| Nutzungsrechte | Zusätzlich zum Stundensatz verrechnen |
Zusammenfassung
Die korrekte Berechnung des Stundensatzes ist die Grundlage für eine wirtschaftlich erfolgreiche Selbstständigkeit. Viele Freiberufler und EPU unterschätzen die tatsächlichen Kosten und arbeiten dadurch unter Wert. Berücksichtigen Sie alle Faktoren — SVS-Beiträge, Einkommensteuer, Betriebskosten, unproduktive Zeiten, Urlaub und Krankenstand — und setzen Sie Ihren Stundensatz so an, dass Sie mindestens das Netto-Einkommen erzielen, das Sie als Angestellter verdienen würden. Der berechnete Stundensatz mag zunächst hoch erscheinen, ist aber die einzige Basis für eine tragfähige Selbstständigkeit.
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Häufig gestellte Fragen
Wie berechne ich meinen Stundensatz als Selbstständiger?
Die Grundformel lautet: (Alle Kosten + Gewünschter Gewinn) / Produktive Stunden pro Jahr. Sie müssen alle Kosten einberechnen: SVS-Beiträge, Einkommensteuer, Betriebskosten, Urlaub, Krankenstand und unproduktive Zeiten.
Wie viele produktive Stunden hat ein Selbstständiger pro Jahr?
Von 365 Tagen bleiben nach Abzug von Wochenenden (104), Feiertagen (13), Urlaub (25), Krankenstand (10) und unproduktiven Tagen (Akquise, Verwaltung -- ca. 30%) nur rund 1.100 bis 1.300 produktive Stunden pro Jahr.
Was muss ich als Selbstständiger an die SVS zahlen?
Die SVS-Beiträge (Sozialversicherung der Selbstständigen) betragen 2026 ca. 26,83 % der Beitragsgrundlage: 18,50 % Pensionsversicherung, 6,80 % Krankenversicherung, 1,53 % Selbstständigenvorsorge und 0,50 % Unfallversicherung (Fixbetrag).
Was ist ein üblicher Stundensatz für IT-Freelancer in Österreich?
IT-Freelancer in Österreich verrechnen 2026 üblicherweise zwischen 80 und 150 Euro pro Stunde netto. Spezialisierte Bereiche wie SAP-Beratung, IT-Security oder Cloud-Architektur können auch 150 bis 200 Euro und mehr verlangen.
Soll ich einen Stundensatz oder Pauschalpreis anbieten?
Das hängt vom Projekt ab. Stundensätze eignen sich bei unklarem Umfang oder laufender Beratung. Pauschalpreise sind bei klar definierten Projekten besser -- Sie profitieren von Effizienz. Viele Selbstständige nutzen eine Mischform.
Wie berücksichtige ich Urlaub und Krankenstand im Stundensatz?
Als Selbstständiger haben Sie keinen bezahlten Urlaub oder Krankenstand. Diese Ausfallzeiten müssen Sie in den Stundensatz einrechnen. Bei 25 Urlaubstagen und 10 Krankenstandstagen entgehen Ihnen ca. 280 produktive Stunden -- diese Kosten müssen die verbleibenden Stunden tragen.
Chefredakteur finanzinfo.at
Martin Höllinger ist Finanzjournalist und Gründer von finanzinfo.at. Er ist spezialisiert auf österreichisches Steuerrecht, Geldanlage und Finanzvergleiche.