Anleihen in Österreich: Kurs, Rendite und Besteuerung

Warum der Kurs einer Anleihe fällt, wenn die Zinsen steigen, wie stark die Laufzeit das verstärkt und was das Finanzamt vom Kupon nimmt.

Stand: 03. September 2026 10 Min. Lesezeit

Die Republik Österreich hat eine Anleihe ausstehend, die bis Februar 2031 läuft und null Prozent Zinsen zahlt. Knapp 19 Milliarden Euro stecken darin. Wer sie hält, bekommt bis zur Tilgung keinen einzigen Cent an Kupon.

Das ist kein Kuriosum, sondern der Schlüssel zum Verständnis des ganzen Marktes. Denn eine Anleihe ohne Kupon muss ihren Ertrag ausschließlich über den Kurs liefern - und daran lässt sich ablesen, was mit jeder anderen Anleihe passiert, wenn sich die Zinsen bewegen.

Die vier Größen

Eine Anleihe ist ein Kredit in Wertpapierform. Vier Angaben beschreiben sie vollständig:

  • der Nennwert, auf den sich alles bezieht und der am Ende zurückgezahlt wird
  • der Kupon, der feste Zinssatz auf den Nennwert
  • die Laufzeit bis zur Tilgung
  • der Kurs, notiert in Prozent des Nennwerts

Kupon und Laufzeit stehen bei der Begebung fest und ändern sich nie. Beweglich ist allein der Kurs. Und weil die Tilgung zu 100 Prozent erfolgt, ist auch der Endpunkt fix: Jede Anleihe läuft auf 100 zu, gleichgültig wo sie zwischendurch notiert.

Die Rendite ist die Größe, die beides zusammenführt - Kupon und Kursdifferenz bis zur Tilgung, umgelegt auf die Restlaufzeit. Sie ist der Vergleichsmaßstab, nicht der Kupon.

Warum der Kurs gegen den Zins läuft

Der Mechanismus lässt sich an zwei realen Anleihen der Republik zeigen, die beide 2031 fällig werden. Beide stammen aus der Aufstellung der ausstehenden Bundesanleihen der Bundesfinanzierungsagentur, Stand 27. August 2026:

AnleiheISINKuponFälligkeitRestlaufzeit
Bundesanleihe 2021-2031/1AT0000A2NW830,00 %20.02.20314,485 Jahre
Bundesanleihe 2026-2031/3AT0000A3V2002,85 %20.10.20315,148 Jahre

Derselbe Schuldner, praktisch dieselbe Fälligkeit, ein Kuponunterschied von 2,85 Punkten. Ein Käufer, der heute wählen kann, wird beide nur dann für gleichwertig halten, wenn sie ihm dieselbe Rendite bringen. Das erzwingt einen Kursunterschied.

Die 2026 begebene Anleihe trägt 2,85 Prozent Kupon; ein Papier, das zu etwa diesem Satz begeben wird, notiert nahe 100. Rechnet man die kuponlose Anleihe mit derselben Rendite von 2,85 Prozent, ergibt sich für ihre 4,485 Jahre Restlaufzeit ein Kurs von rund 88.

Wer sie näher an 100 gekauft hat, sitzt damit auf einem Buchverlust von etwa zwölf Prozent. Der ist nicht endgültig: Bis Februar 2031 läuft der Kurs zwangsläufig auf 100 zu. Wer aber vorher verkaufen muss, realisiert ihn.

Damit ist der oft gehörte Satz, Staatsanleihen seien sicher, präziser zu fassen. Sicher ist die Rückzahlung durch den Schuldner. Nicht sicher ist der Wert zu jedem Zeitpunkt davor.

Je länger die Laufzeit, desto heftiger

Der Effekt wächst mit der Restlaufzeit, und zwar nicht linear. Bei kurzen Laufzeiten ist er kaum spürbar, bei langen dramatisch.

Die Republik hat dafür ein extremes Anschauungsobjekt ausstehend: die 0,85 % Bundesanleihe 2020-2120/4, fällig am 30. Juni 2120, mit 6,3 Milliarden Euro Volumen und einer Restlaufzeit von 93,8 Jahren. Sie wurde 2020 begeben, als die Zinsen bei null lagen, und dürfte damals nahe 100 notiert haben.

Eine 2026 begebene Anleihe der Republik mit Fälligkeit 2056 trägt 3,75 Prozent Kupon. Legt man diese Rendite an die Hundertjährige an, ergibt die Barwertrechnung einen Kurs von rund 25.

AnleiheKuponRestlaufzeitrechnerischer Kurs bei 3,75 %
Bundesanleihe 2020-2120/40,85 %93,8 Jahrerund 25
Bundesanleihe 2017-2117/32,10 %91,1 Jahrerund 58
Bundesanleihe 2021-2031/10,00 %4,5 Jahrerund 88

Diese Kurse sind gerechnet, keine Börsenkurse - sie zeigen, was die Rendite von 3,75 Prozent bei der jeweiligen Laufzeit und dem jeweiligen Kupon erzwingt. Die Größenordnung ist die Aussage: Dieselbe Zinsbewegung kostet bei 94 Jahren Restlaufzeit ein Vielfaches dessen, was sie bei viereinhalb Jahren kostet.

Für die Praxis folgt daraus eine einfache Regel. Die Laufzeit ist nicht die Frage, wie lange man warten will, sondern wie viel Kursschwankung man aushält. Wer sein Geld in fünf Jahren braucht, kauft keine Anleihe mit zwanzig Jahren Restlaufzeit, auch wenn sie mehr Rendite verspricht.

Bonität: der zweite Preistreiber

Neben dem allgemeinen Zinsniveau bewegt die Zahlungsfähigkeit des Schuldners den Kurs. Je zweifelhafter die Rückzahlung, desto höher der Renditeaufschlag, den der Markt verlangt - und desto tiefer der Kurs bei gleichem Kupon.

Bei Staatsanleihen der Eurozone sind diese Aufschläge klein, aber vorhanden. Bei Unternehmensanleihen werden sie zur wesentlichen Größe. Eine Unternehmensanleihe mit sechs Prozent Kupon ist kein Schnäppchen gegenüber einer Bundesanleihe mit drei Prozent, sondern der Preis für ein anderes Risiko.

Die amtliche Referenz für das österreichische Zinsniveau führt die Nationalbank mit der umlaufgewichteten Durchschnittsrendite für Bundesanleihen. Sie löste 2015 die frühere Sekundärmarktrendite ab und wird täglich fortgeschrieben.

Was das Finanzamt nimmt

Für Anleihen gilt der Steuersatz von 27,5 Prozent. Der niedrigere Satz von 25 Prozent bleibt nach Paragraph 27a Absatz 1 EStG den Geldeinlagen und nicht verbrieften Geldforderungen bei Kreditinstituten vorbehalten. Eine Anleihe ist verbrieft, damit greift der allgemeine Satz.

Besteuert werden zwei Vorgänge getrennt:

  • der Kupon, jeweils bei Auszahlung
  • der Kursgewinn, bei Verkauf oder Tilgung

Für den Kursgewinn gilt dabei eine eigene Rechenvorschrift. Nach Paragraph 27a Absatz 3 Ziffer 2 lit. a ist der Unterschiedsbetrag zwischen Veräußerungserlös und Anschaffungskosten anzusetzen, „jeweils inklusive anteiliger Stückzinsen”.

Stückzinsen sind der seit der letzten Kuponzahlung aufgelaufene Zinsanteil, den der Käufer dem Verkäufer mitbezahlt. Sie werden also nicht gesondert als Zinsertrag erfasst, sondern wandern in die Anschaffungskosten beim Käufer und in den Erlös beim Verkäufer. Für Käufe bis 31. März 2012 galt das noch anders; seither gehen sie im Kursgewinn auf.

Praktisch bedeutet das: Wer eine Anleihe kurz vor dem Kupontermin kauft, zahlt die aufgelaufenen Zinsen mit, bekommt sie wenige Tage später als Kupon versteuert zurück - und hat im selben Zug höhere Anschaffungskosten, die den späteren Kursgewinn mindern. Ein steuerlicher Nachteil entsteht daraus nicht, eine zeitliche Verschiebung schon.

Ein Kursverlust bei Verkauf ist mit anderen Kapitalerträgen des 27,5-Prozent-Topfes verrechenbar. Wie das automatisch läuft und wo es das nicht tut, steht bei den steuereinfachen Brokern und zur Systematik bei der Kapitalertragsteuer.

Einzelanleihe, Fonds oder Bundesschatz

Drei Wege führen zu festverzinsten Erträgen, und sie unterscheiden sich grundlegend.

Eine Einzelanleihe hat einen Endpunkt. Wer bis zur Tilgung hält, kennt sein Ergebnis vom ersten Tag an, unabhängig von jeder Kursbewegung dazwischen. Der Preis dafür sind Stückelung und Streuung: Ein sinnvoll gestreutes Anleihendepot braucht Kapital, und Ordergebühren fallen je Position an.

Ein Anleihenfonds streut sofort, hat aber keinen Endpunkt. Er hält laufend Papiere unterschiedlicher Restlaufzeiten und schichtet um; die Kursschwankung bleibt damit dauerhaft im Depot, statt sich zur Tilgung hin aufzulösen. Dazu kommen die laufenden Kosten - bei europäischen Anleihenfonds nach ESMA-Auswertung im Schnitt 0,87 Prozent pro Jahr, was bei Renditen von rund drei Prozent ein Viertel des Ertrags ausmacht. Details bei den Investmentfonds.

Der Bundesschatz hat gar keinen Kurs, weil er nicht börslich gehandelt wird. Das Kapital bleibt nominell erhalten, dafür entfällt jede Chance auf Kursgewinne, und der Ausstieg vor Laufzeitende kostet Zinsen. Die Unterschiede im Detail stehen beim Bundesschatz.

Quellen

Häufig gestellte Fragen

Warum fällt der Kurs einer Anleihe, wenn die Zinsen steigen?

Weil der Kupon einer bereits begebenen Anleihe fest ist. Steigt das Marktzinsniveau, ist dieselbe Zinszahlung weniger wert, und der Kurs muss so weit sinken, bis die Anleihe für einen Käufer wieder marktgerecht verzinst ist. Wer bis zur Tilgung hält, bekommt dennoch den Nennwert.

Wie hoch ist die Steuer auf Anleihen?

27,5 Prozent auf den Kupon und 27,5 Prozent auf realisierte Kursgewinne. Der niedrigere Satz von 25 Prozent gilt nur für Geldeinlagen und nicht verbriefte Geldforderungen bei Kreditinstituten; eine Anleihe ist ein verbrieftes Wertpapier.

Werden Stückzinsen gesondert besteuert?

Nein. Nach Paragraph 27a Absatz 3 Ziffer 2 lit. a EStG zählen anteilige Stückzinsen sowohl zum Veräußerungserlös als auch zu den Anschaffungskosten. Sie gehen damit in den Kursgewinn ein, statt eigens als Zinsertrag erfasst zu werden.

Was bedeutet eine Anleihe mit null Prozent Kupon?

Sie zahlt während der Laufzeit nichts aus. Der gesamte Ertrag entsteht aus der Differenz zwischen dem Kaufkurs und der Tilgung zu 100 Prozent. Solche Anleihen reagieren besonders stark auf Zinsänderungen.

Wie lange laufen österreichische Bundesanleihen?

Von wenigen Monaten bis zu hundert Jahren. Zum 27. August 2026 waren unter anderem eine Anleihe mit Fälligkeit 2117 und eine mit Fälligkeit 2120 ausstehend, beide mit über 90 Jahren Restlaufzeit.

Was ist der Unterschied zwischen einer Anleihe und dem Bundesschatz?

Der Bundesschatz hat keinen Kurs, weil er nicht an der Börse gehandelt wird; das eingezahlte Kapital bleibt nominell erhalten. Eine Bundesanleihe wird börslich gehandelt und kann zwischenzeitlich deutlich unter dem Nennwert notieren.