ATX und Wiener Börse: Zusammensetzung, Regeln, Handelszeiten

Der ATX ist ein Preisindex ohne Dividenden. Wie er zusammengesetzt wird, wann er sich ändert, welche Marktsegmente es gibt und wie lange gehandelt wird.

Aktualisiert: 17. August 2026 12 Min. Lesezeit

Der ATX ist ein Preisindex: Reguläre Dividenden bleiben bei seiner Berechnung außen vor. Das bedeutet, dass praktisch jeder Vergleich, in dem der österreichische Leitindex gegen einen Performanceindex schwach aussieht, mit der falschen Kennzahl geführt wird.

Wie groß der Unterschied ist, sagt die Wiener Börse selbst: Über die vergangenen 35 Jahre machten Dividendenzahlungen bei den zwanzig größten und meistgehandelten österreichischen Aktien die Hälfte der Rendite aus. Wer die Wertentwicklung beurteilen will, braucht deshalb den ATX TR - die Variante, die Ausschüttungen mitrechnet.

Was der ATX misst

Der ATX ist der Leitindex der Wiener Börse. Er umfasst grundsätzlich 20 Titel, wird nach Streubesitz-Marktkapitalisierung gewichtet und seit dem 2. Jänner 1991 gerechnet, damals startend bei 1.000 Punkten. Berechnet wird er in Echtzeit während der Handelszeit, von 9:00 bis 17:45 Uhr.

Damit kein einzelnes Unternehmen den Index dominiert, gilt eine Kappungsgrenze von 20 Prozent, umgesetzt über einen Repräsentationsfaktor. Wer diese Zahl aus einem anderen Index übernimmt, liegt daneben - die Grenzen sind je nach Index verschieden: 25 Prozent bei den Branchenindizes, 35 und 20 Prozent beim ATX five, 15 Prozent beim VÖNIX.

Drei Varianten desselben Index sollten Sie auseinanderhalten:

VarianteWas sie rechnet
ATXPreisindex, reguläre Dividenden bleiben außen vor
ATX TRPerformanceindex, Dividenden brutto enthalten
ATX NTRDividenden nach Abzug von Quellensteuern

Eine Ausnahme kennt auch der Preisindex: Spezialdividenden werden berücksichtigt. Das Regelwerk nimmt sie ausdrücklich von der Regel aus, nach der Ausschüttungen unberücksichtigt bleiben.

Für die Beurteilung einer Anlage ist der ATX TR die richtige Reihe, für Schlagzeilen wird fast immer der ATX genannt.

Wie eine Aktie in den ATX kommt

Die Aufnahme folgt der 25/25-Regel: Ein Titel muss im prime market notieren und gleichzeitig zu den 25 liquidesten und zu den 25 nach Streubesitz höchstkapitalisierten Werten gehören. Beide Bedingungen müssen erfüllt sein, nicht nur eine.

Dazu kommt ein Herkunftskriterium: juristischer und operativer Sitz in Österreich. Liegt der juristische Sitz woanders, genügt ersatzweise der operative Sitz in Österreich zusammen mit der Hauptnotiz in Wien. Eine reine Holding mit Briefkastenadresse reicht also nicht.

Beobachtet wird laufend. Die Wiener Börse führt eine monatliche Beobachtungsliste, aus der sich Kandidaten für Auf- und Abstieg ablesen lassen, bevor die Entscheidung fällt.

Wann sich der Index ändert

Hier lohnt die Unterscheidung zweier Rhythmen, die oft vermengt werden.

Die Zusammensetzung wird ordentlich halbjährlich im März und September angepasst. Wirksam wird die Änderung jeweils am dritten Freitag nach Handelsschluss, und pro Termin werden höchstens drei Titel ausgetauscht. Diese Obergrenze sorgt dafür, dass der Index nicht sprunghaft ein anderer wird.

Die Berechnungsparameter - also Streubesitzfaktoren und Repräsentationsfaktoren - werden dagegen quartalsweise aktualisiert. Der Index kann sich also in seiner Gewichtung verschieben, ohne dass ein einziges Unternehmen gewechselt hat.

Die Indexfamilie

Neben dem ATX rechnet die Wiener Börse eine Reihe weiterer Indizes, die jeweils einen anderen Ausschnitt abbilden.

IndexWas er umfasst
ATX Primealle Aktien des prime market, eigener Preisindex
ATX fivedie fünf Titel mit dem höchsten Gewicht im ATX, Kappung bei 35 und 20 Prozent
ATX Global Players16 Titel mit mindestens 20 Prozent Umsatz außerhalb Europas
WBIder Amtliche Handel, nach voller Marktkapitalisierung, nur einmal täglich berechnet
VÖNIXNachhaltigkeitsindex, 24 Titel, Kappung 15 Prozent
IATXImmobilienwerte
Branchenindizesvier Sektoren, Kappung je 25 Prozent

Der Unterschied zwischen ATX und WBI ist der zwischen Leitindex und Marktbreite: Der eine zeigt zwanzig Titel in Echtzeit, der andere den Amtlichen Handel einmal am Tag. Die Notierungen im Vienna MTF sind im WBI nicht enthalten.

Die vier Marktsegmente

Für Anleger ist das Segment wichtiger als der Index, weil daran die Transparenzpflichten hängen.

SegmentRechtsrahmenZulassungBerichtspflichten
prime marketgeregelter Markt25 % Streubesitz beziehungsweise 20 oder 40 Mio. EuroIFRS, Halbjahresbericht binnen 2 Monaten, Jahresbericht binnen 4 Monaten, deutsch und englisch, Corporate-Governance-Kodex, Market Maker
standard marketgeregelter Markt1 Mio. EuroHalbjahr 3 Monate, Jahr 4 Monate, deutsch oder englisch
direct market plusVienna MTF, KMU-Wachstumsmarkt10 Mio. Euro, mindestens 20 Aktionäre, Capital Market CoachZwischenbericht 3 Monate, Jahresabschluss 5 Monate
direct marketVienna MTFkeine Mindestkapitalisierungkeine

Im August 2026 notierten im prime market 38 Aktien, im standard market 21, im direct market plus 11 und im direct market 22. Dazu kommt der global market mit 684 im Ausland notierten Titeln, die in Wien handelbar sind.

Zwei Punkte sind praktisch bedeutsam. Erstens gelten die Pflichten der Marktmissbrauchsverordnung in allen vier Segmenten - Insiderrecht, Ad-hoc-Publizität und die Meldung von Eigengeschäften der Führungskräfte also überall. Zweitens gilt die Beteiligungspublizität nur im geregelten Markt: Im Vienna MTF erfahren Sie nicht, wenn ein Großaktionär eine Stimmrechtsschwelle über- oder unterschreitet.

Die Marktkapitalisierung inländischer Titel lag Ende Juni 2026 bei rund 210 Milliarden Euro. Die Zahl umfasst neben Aktien auch Dividenden- und Partizipationsscheine und ist über geregelte Märkte und Vienna MTF gerechnet.

Handelszeiten

Gehandelt wird über Xetra T7. Für ATX-Werte gilt:

PhaseZeit
Vorhandel08:00 bis 08:55
Eröffnungsauktion08:55 bis 09:00
fortlaufender Handel09:00 bis 12:00
untertägige Auktion12:00 bis 12:03
fortlaufender Handel12:03 bis 17:30
Schlussauktion17:30 bis 17:35
Trade at Close17:35 bis 17:45
Nachhandelbis 17:50

Die übrigen Segmente weichen deutlich ab, und beim standard market ist die Abweichung größer als eine fehlende Mittagsauktion: 18 der 21 Notierungen dort werden gar nicht fortlaufend gehandelt, sondern ausschließlich in einer einzigen Auktion zwischen 12:30 und 13:30 Uhr. Wer einen solchen Titel kauft, hat pro Tag genau ein Zeitfenster - und zwischen Ordererteilung und Ausführung können Stunden liegen.

Im global market gibt es dagegen drei Auktionen, um 11:00, 13:00 und 15:30 Uhr.

Bei starken Kursbewegungen greifen Volatilitätsunterbrechungen. Überschreitet der nächste mögliche Preis einen dynamischen oder statischen Korridor, wechselt das Papier vorübergehend in eine Auktion. Für Sie heißt das: Eine Market-Order kann in einem hektischen Moment deutlich später und zu einem anderen Preis ausgeführt werden als erwartet. Wer das vermeiden will, arbeitet mit Limits.

Was der Handel kostet

Eine gute Nachricht vorweg: Österreich hebt keine Börsenumsatzsteuer ein. Der entsprechende Teil des Kapitalverkehrsteuergesetzes ist mit Ablauf des 30. September 2000 außer Kraft getreten, und eine Finanztransaktionssteuer wurde nie eingeführt. Anders als in Frankreich, Italien oder Großbritannien fällt beim Kauf also keine Transaktionsabgabe an.

Was bleibt, sind zwei Posten: die Gebühren Ihres Brokers und die Kapitalertragsteuer von 27,5 Prozent auf realisierte Gewinne und Dividenden.

Die Entgelte der Wiener Börse selbst schuldet nicht der Anleger, sondern das Börsemitglied. Nach der Gebührenordnung ab 1. Juli 2026 kostet ein Geschäft im prime market im fortlaufenden Handel 1,15 Euro zuzüglich 2,00 Basispunkte, gedeckelt bei 40 Euro; in der Auktion 2,10 Euro zuzüglich 3,25 Basispunkte, gedeckelt bei 70 Euro. Abgerechnet wird je Seite und Geschäft, Mehrfachausführungen zählen also mehrfach.

Das ist allerdings der teuerste Tarif. Mitglieder, die Liquiditätszusagen eingehen, zahlen bis hinunter zu 1,40 Basispunkten bei einer Obergrenze von 25 Euro, Market Maker noch weniger. Ob und wie ein Broker diese Kosten weitergibt, steht in seinem Preisblatt - manche weisen sie als Fremdspesen gesondert aus, andere nicht. Ein Vergleich der Modelle steht im Online-Broker-Vergleich.

Abwicklung: heute T+2, ab Oktober 2027 T+1

Ein Wertpapiergeschäft am Kassamarkt wird derzeit am zweiten Abwicklungstag nach dem Abschluss erfüllt. Zwischen Ihrem Kauf und dem Moment, in dem die Aktie tatsächlich in Ihrem Depot liegt und das Geld abgebucht ist, vergehen also zwei Tage.

Die EU stellt am 11. Oktober 2027 auf T+1 um. Danach bleibt nur noch ein Handelstag. Praktisch heißt das vor allem: Wer verkauft, um mit dem Erlös etwas anderes zu kaufen, hat sein Geld einen Tag früher.

An der Dividendenberechtigung ändert die Umstellung nichts. Der letzte Tag, an dem Sie mit Anspruch auf die Ausschüttung kaufen können, bleibt der Handelstag vor dem Ex-Tag - unter T+1 rückt lediglich der Nachweisstichtag näher an den Ex-Tag heran.

Quellen

Häufig gestellte Fragen

Enthält der ATX die Dividenden?

Reguläre Dividenden nicht - der ATX ist ein Preisindex. Spezialdividenden werden allerdings sehr wohl berücksichtigt. Für die volle Rechnung gibt es zwei eigene Varianten: den ATX TR als Performanceindex, der Dividenden brutto einbezieht, und den ATX NTR, der sie nach Abzug von Quellensteuern rechnet.

Wie viele Unternehmen sind im ATX?

Zwanzig. Sie stammen alle aus dem prime market, in dem im August 2026 insgesamt 38 Aktien notierten. Der breitere ATX Prime umfasst alle prime-market-Titel, der WBI bildet den gesamten geregelten Markt ab.

Wie kommt eine Aktie in den ATX?

Über die 25/25-Regel: Der Titel muss im prime market notieren und zugleich zu den 25 liquidesten und zu den 25 nach Streubesitz höchstkapitalisierten Werten zählen. Dazu kommt ein Sitz in Österreich oder wahlweise operativer Schwerpunkt und Hauptnotiz in Wien.

Wann wird der ATX angepasst?

Die ordentliche Anpassung erfolgt halbjährlich im März und September und wird am dritten Freitag nach Handelsschluss wirksam, mit höchstens drei Austauschen je Termin. Die Berechnungsparameter wie Streubesitz- und Repräsentationsfaktoren werden quartalsweise aktualisiert.

Gibt es in Österreich eine Börsenumsatzsteuer?

Nein. Der entsprechende Teil des Kapitalverkehrsteuergesetzes ist mit Ablauf des 30. September 2000 außer Kraft getreten, und eine Finanztransaktionssteuer wurde nie eingeführt. Beim Aktienkauf zahlen Sie die Gebühren Ihres Brokers, beim Gewinn die Kapitalertragsteuer von 27,5 Prozent.

Wann wird ein Aktienkauf abgerechnet?

Derzeit zwei Handelstage nach dem Abschluss, also T+2. Die EU stellt am 11. Oktober 2027 auf T+1 um, dann liegt zwischen Abschluss und Lieferung nur noch ein Handelstag.