Bedingungsloses Grundeinkommen: Feldversuche, Volksbegehren in Österreich, Finanzierung

Der finnische Feldversuch brachte sechs Arbeitstage mehr im Jahr - und deutlich bessere psychische Werte. Was das Konzept ausmacht und wo Österreich steht.

Beim bedingungslosen Grundeinkommen wird meist über die Arbeitsmotivation gestritten. Der bislang bekannteste Feldversuch liefert dazu ein bemerkenswert unspektakuläres Ergebnis: Die finnischen Teilnehmenden arbeiteten über zwölf Monate im Schnitt 78 Tage - sechs Tage mehr als die Kontrollgruppe.

Deutlich waren die Unterschiede an anderer Stelle - beim psychischen Wohlbefinden und beim Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Eckdaten zum Grundeinkommen

PunktWert
Finnland 2017 bis 20182.000 Arbeitslose, 560 Euro monatlich, 6 Arbeitstage mehr als Kontrollgruppe
Deutschland 2021 bis 2024122 Personen, 1.200 Euro monatlich, keine signifikant geringere Arbeitszeit
Volksbegehren 201969.939 Unterschriften, Hürde verfehlt
Volksbegehren 2022168.981 Unterschriften, 2,66 Prozent
Umsetzung in Österreichkeine

Merkmale eines bedingungslosen Grundeinkommens

Ein Grundeinkommen gilt als bedingungslos, wenn es vier Merkmale erfüllt:

  • ohne Bedürftigkeitsprüfung - unabhängig von Einkommen und Vermögen
  • ohne Gegenleistung - keine Arbeitspflicht, keine Verpflichtung zur Arbeitssuche
  • individuell - an die einzelne Person, nicht an den Haushalt
  • existenzsichernd - in der Höhe so bemessen, dass es zum Leben reicht

Das letzte Kriterium ist am umstrittensten, weil es die Kosten bestimmt. Viele diskutierte Modelle erfüllen es nicht vollständig und sind streng genommen Teilgrundeinkommen.

Ein verwandter Ansatz ist die negative Einkommensteuer: Unterhalb einer Einkommensgrenze zahlt der Staat aus, statt einzuheben. Der Betrag sinkt mit steigendem Einkommen. Das ist zielgenauer und billiger, aber es fehlt die Bedingungslosigkeit im engeren Sinn - eine Einkommensprüfung bleibt nötig.

Finnischer Feldversuch 2017 bis 2018

Vom 1. Jänner 2017 bis 31. Dezember 2018 erhielten in Finnland 2.000 Arbeitslose monatlich 560 Euro steuerfrei, ohne jede Auflage. Ausgewählt wurden sie per Zufallsstichprobe aus den Beziehern einer Arbeitslosenleistung im November 2016 - die Teilnahme war also nicht freiwillig. Das macht den Versuch methodisch belastbarer als Studien mit Freiwilligen, bei denen sich besonders Interessierte selbst auswählen.

Die Ergebnisse:

BereichBefund
Beschäftigung78 Arbeitstage im Schnitt, 6 mehr als die Kontrollgruppe
psychisches Wohlbefindenmessbar besser - weniger Belastung, Depression, Einsamkeit
Lebenszufriedenheithöher als in der Kontrollgruppe
Vertrauenin andere Menschen, Institutionen und die eigene Zukunft gestiegen
kognitive Selbsteinschätzungpositiver bei Gedächtnis, Lernen und Konzentration

Der Beschäftigungseffekt ist der interessanteste Punkt, weil beide Lager ihn für sich reklamieren: Er widerlegt die Erwartung eines massenhaften Rückzugs aus dem Arbeitsmarkt - belegt aber ebenso wenig, dass ein Grundeinkommen die Beschäftigung nennenswert steigert.

Wichtig für die Einordnung: Der Versuch war kein Test eines flächendeckenden Grundeinkommens. Teilnehmende waren ausschließlich Arbeitslose, die Zahlung war befristet, und die Finanzierungsfrage stellte sich nicht. Ergebnisse lassen sich daher nicht direkt auf eine gesamtgesellschaftliche Einführung übertragen.

Pilotprojekt Grundeinkommen in Deutschland

Ein zweiter, kleinerer Versuch lief in Deutschland. Der Verein Mein Grundeinkommen zahlte aus Spenden 122 Personen von Juni 2021 bis Mai 2024 monatlich 1.200 Euro, also über drei Jahre. Ausgewertet haben ihn das DIW Berlin, die WU Wien und weitere Hochschulen, verglichen mit 1.580 Personen ohne Zahlung. Laut DIW-Pressemitteilung vom 9. April 2025 zogen sich die Empfänger nicht vom Arbeitsmarkt zurück, auch nicht kurzzeitig, und reduzierten ihre Arbeitsstunden nicht signifikant. Mehr als ein Drittel des Geldes wurde gespart, mentale Gesundheit und Lebenszufriedenheit stiegen.

Auch dieser Versuch hat Grenzen: Die Zahlung war befristet, stammte aus Spenden statt aus Steuern, und ausgewertet wurden 107 Empfänger. Das Institut der deutschen Wirtschaft hält die Stichprobe für zu klein und zu selektiv, um daraus auf eine Einführung zu schließen.

Volksbegehren zum Grundeinkommen in Österreich

Zwei Volksbegehren haben das Thema auf die politische Agenda gebracht:

  • November 2019 verfehlte das Volksbegehren „Bedingungsloses Grundeinkommen” mit 69.939 Unterschriften die Hürde von 100.000, ab der das Parlament sich damit befassen muss
  • Mai 2022 überschritt das Volksbegehren „Bedingungslos Grundeinkommen umsetzen” die Hürde mit 168.981 Unterschriften, 2,66 Prozent der Stimmberechtigten. Es forderte, durch bundesverfassungsgesetzliche Regelungen ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen

Das zweite Begehren behandelte der Ausschuss für Arbeit und Soziales des Nationalrats (Bericht 1775 der Beilagen), eine Umsetzung folgte nicht. Ein Grundeinkommen ist in Österreich derzeit nicht in Vorbereitung.

Finanzierung eines Grundeinkommens

Kostenangaben zum Grundeinkommen kursieren in großer Bandbreite - und sind ohne drei Angaben wertlos:

  1. Welche Höhe wird angesetzt?
  2. Welche bestehenden Leistungen entfallen dafür? Ein Modell, das Sozialhilfe, Familienleistungen und Arbeitslosengeld ersetzt, kostet netto völlig anders als eines, das sie ergänzt
  3. Wie wird gegenfinanziert - über die Einkommensteuer, über Konsumsteuern, über neue Abgaben?

Der zweite Punkt entscheidet über die Verteilungswirkung. Werden bedarfsorientierte Leistungen durch eine Pauschale ersetzt, verlieren jene, deren Bedarf über dem Durchschnitt liegt - etwa Menschen mit hohen Pflege- oder Wohnkosten. Genau deshalb ist das Grundeinkommen auch innerhalb der Sozialpolitik umstritten und nicht entlang der üblichen Linien.

Wie unterschiedlich das bestehende System aufgebaut ist, zeigt der Überblick zu den Transferleistungen: Bundesleistungen mit einheitlichen Beträgen, beitragsfinanzierte Versicherungsleistungen und neun Landesregelungen nebeneinander. Ein Grundeinkommen müsste sich zu allen dreien verhalten.

Forschungsstand: gesicherte und offene Fragen

Gesichert ist, dass ein befristetes Grundeinkommen für Arbeitslose in Finnland das Wohlbefinden verbesserte und die Beschäftigung minimal erhöhte, und dass in Deutschland die Empfänger von 1.200 Euro monatlich ihre Arbeitszeit nicht nennenswert senkten.

Nicht gesichert ist, wie sich ein dauerhaftes, flächendeckendes Grundeinkommen auf Arbeitsangebot, Löhne, Preise und Zuwanderung auswirkt. Dazu fehlen Feldversuche in ausreichender Größe und Dauer - und sie sind schwer durchführbar, weil gerade die Erwartung der Dauerhaftigkeit das Verhalten prägt.

Wer eine Position sucht, wird in der Empirie deshalb keine Entscheidung finden. Die Frage, wie viel Sicherheit ohne Gegenleistung ein Gemeinwesen bieten soll, ist eine politische, keine rechnerische.

Quellen

Stand der Angaben: 14. Oktober 2026.

Häufig gestellte Fragen

Was macht ein Grundeinkommen bedingungslos?

Es wird ohne Bedürftigkeitsprüfung, ohne Gegenleistung und ohne Verpflichtung zur Arbeitssuche ausbezahlt - individuell an jede Person, nicht an den Haushalt.

Was hat der finnische Versuch ergeben?

Die Teilnehmenden arbeiteten über zwölf Monate 78 Tage, sechs mehr als die Kontrollgruppe - ein sehr kleiner Effekt. Deutlich waren dagegen die Verbesserungen bei psychischem Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit.

Gab es in Österreich Volksbegehren dazu?

Ja, zwei. Das erste im November 2019 erreichte 69.939 Unterschriften und verfehlte die Hürde von 100.000. Das zweite im Mai 2022 kam auf 168.981 Unterschriften, 2,66 Prozent der Stimmberechtigten, wurde im Sozialausschuss des Nationalrats behandelt und führte zu keiner Umsetzung.

Gibt es Ergebnisse aus Deutschland?

Ja. Im Pilotprojekt Grundeinkommen erhielten 122 Personen von Juni 2021 bis Mai 2024 monatlich 1.200 Euro. Laut DIW Berlin, das die Studie mit der WU Wien auswertete, zogen sie sich nicht vom Arbeitsmarkt zurück und reduzierten ihre Arbeitszeit nicht signifikant; mehr als ein Drittel des Geldes wurde gespart.

Was kostet ein Grundeinkommen?

Das hängt vollständig von Höhe und Ausgestaltung ab. Seriöse Kostenangaben sind ohne Angabe des Modells, der Höhe und der wegfallenden Leistungen nicht möglich.

Was ist eine negative Einkommensteuer?

Ein verwandtes Modell: Unterhalb einer Einkommensgrenze zahlt der Staat aus statt einzuheben. Der Auszahlungsbetrag sinkt mit steigendem Einkommen, statt für alle gleich zu sein.

Ersetzt ein Grundeinkommen die Sozialhilfe?

In den meisten Modellen ja, zumindest teilweise. Genau darin liegt ein Kernstreitpunkt, weil bedarfsorientierte Leistungen individuelle Notlagen abdecken, die eine Pauschale nicht erfasst.

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