Bedingungsloses Grundeinkommen: Modelle, Befunde, Debatte

Der finnische Feldversuch brachte sechs Arbeitstage mehr im Jahr - und deutlich bessere psychische Werte. Was das Konzept ausmacht und wo Österreich steht.

Stand: 02. September 2026 8 Min. Lesezeit

Beim bedingungslosen Grundeinkommen wird meist über die Arbeitsmotivation gestritten. Der bislang bekannteste Feldversuch liefert dazu ein bemerkenswert unspektakuläres Ergebnis: Die finnischen Teilnehmenden arbeiteten über zwölf Monate im Schnitt 78 Tage - sechs Tage mehr als die Kontrollgruppe.

Deutlich waren die Unterschiede an anderer Stelle - beim psychischen Wohlbefinden und beim Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Was das Konzept ausmacht

Ein Grundeinkommen gilt als bedingungslos, wenn es vier Merkmale erfüllt:

  • ohne Bedürftigkeitsprüfung - unabhängig von Einkommen und Vermögen
  • ohne Gegenleistung - keine Arbeitspflicht, keine Verpflichtung zur Arbeitssuche
  • individuell - an die einzelne Person, nicht an den Haushalt
  • existenzsichernd - in der Höhe so bemessen, dass es zum Leben reicht

Das letzte Kriterium ist am umstrittensten, weil es die Kosten bestimmt. Viele diskutierte Modelle erfüllen es nicht vollständig und sind streng genommen Teilgrundeinkommen.

Ein verwandter Ansatz ist die negative Einkommensteuer: Unterhalb einer Einkommensgrenze zahlt der Staat aus, statt einzuheben. Der Betrag sinkt mit steigendem Einkommen. Das ist zielgenauer und billiger, aber es fehlt die Bedingungslosigkeit im engeren Sinn - eine Einkommensprüfung bleibt nötig.

Der finnische Feldversuch

Vom 1. Jänner 2017 bis 31. Dezember 2018 erhielten in Finnland 2.000 Arbeitslose monatlich 560 Euro steuerfrei, ohne jede Auflage. Ausgewählt wurden sie per Zufallsstichprobe aus den Beziehern einer Arbeitslosenleistung im November 2016 - die Teilnahme war also nicht freiwillig. Das macht den Versuch methodisch belastbarer als Studien mit Freiwilligen, bei denen sich besonders Interessierte selbst auswählen.

Die Ergebnisse:

BereichBefund
Beschäftigung78 Arbeitstage im Schnitt, 6 mehr als die Kontrollgruppe
psychisches Wohlbefindenmessbar besser - weniger Belastung, Depression, Einsamkeit
Lebenszufriedenheithöher als in der Kontrollgruppe
Vertrauenin andere Menschen, Institutionen und die eigene Zukunft gestiegen
kognitive Selbsteinschätzungpositiver bei Gedächtnis, Lernen und Konzentration

Der Beschäftigungseffekt ist der interessanteste Punkt, weil beide Lager ihn für sich reklamieren: Er widerlegt die Erwartung eines massenhaften Rückzugs aus dem Arbeitsmarkt - belegt aber ebenso wenig, dass ein Grundeinkommen die Beschäftigung nennenswert steigert.

Wichtig für die Einordnung: Der Versuch war kein Test eines flächendeckenden Grundeinkommens. Teilnehmende waren ausschließlich Arbeitslose, die Zahlung war befristet, und die Finanzierungsfrage stellte sich nicht. Ergebnisse lassen sich daher nicht direkt auf eine gesamtgesellschaftliche Einführung übertragen.

Wo Österreich steht

Zwei Volksbegehren haben das Thema auf die politische Agenda gebracht:

  • 2019 verfehlte ein Volksbegehren mit rund 70.000 Unterschriften die Hürde von 100.000, ab der das Parlament sich damit befassen muss
  • Mai 2022 überschritt das Volksbegehren „Bedingungslos Grundeinkommen umsetzen” die Hürde deutlich. Es forderte, durch bundesverfassungsgesetzliche Regelungen ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen

Das zweite Begehren wurde parlamentarisch behandelt, führte aber zu keiner Umsetzung. Ein Grundeinkommen ist in Österreich derzeit nicht in Vorbereitung.

Die Finanzierungsfrage

Kostenangaben zum Grundeinkommen kursieren in großer Bandbreite - und sind ohne drei Angaben wertlos:

  1. Welche Höhe wird angesetzt?
  2. Welche bestehenden Leistungen entfallen dafür? Ein Modell, das Sozialhilfe, Familienleistungen und Arbeitslosengeld ersetzt, kostet netto völlig anders als eines, das sie ergänzt
  3. Wie wird gegenfinanziert - über die Einkommensteuer, über Konsumsteuern, über neue Abgaben?

Der zweite Punkt entscheidet über die Verteilungswirkung. Werden bedarfsorientierte Leistungen durch eine Pauschale ersetzt, verlieren jene, deren Bedarf über dem Durchschnitt liegt - etwa Menschen mit hohen Pflege- oder Wohnkosten. Genau deshalb ist das Grundeinkommen auch innerhalb der Sozialpolitik umstritten und nicht entlang der üblichen Linien.

Wie unterschiedlich das bestehende System aufgebaut ist, zeigt der Überblick zu den Transferleistungen: Bundesleistungen mit einheitlichen Beträgen, beitragsfinanzierte Versicherungsleistungen und neun Landesregelungen nebeneinander. Ein Grundeinkommen müsste sich zu allen dreien verhalten.

Was gesichert ist und was nicht

Gesichert ist, dass ein befristetes Grundeinkommen für Arbeitslose in Finnland das Wohlbefinden verbesserte und die Beschäftigung minimal erhöhte.

Nicht gesichert ist, wie sich ein dauerhaftes, flächendeckendes Grundeinkommen auf Arbeitsangebot, Löhne, Preise und Zuwanderung auswirkt. Dazu fehlen Feldversuche in ausreichender Größe und Dauer - und sie sind schwer durchführbar, weil gerade die Erwartung der Dauerhaftigkeit das Verhalten prägt.

Wer eine Position sucht, wird in der Empirie deshalb keine Entscheidung finden. Die Frage, wie viel Sicherheit ohne Gegenleistung ein Gemeinwesen bieten soll, ist eine politische, keine rechnerische.

Quellen

  • BMI: Volksbegehren „Bedingungslos Grundeinkommen umsetzen” - Eintragungszeitraum vom 2. bis 9. Mai 2022, Forderung nach Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens durch bundesverfassungsgesetzliche Regelungen, amtliche Ergebnisse als Verlautbarung der Bundeswahlbehörde
  • BMI: Volksbegehren „Bedingungsloses Grundeinkommen” - vorangegangenes Volksbegehren mit Verfehlen der Hürde von 100.000 Unterschriften
  • VATT Institute for Economic Research: Ergebnisse des finnischen Grundeinkommensversuchs - Versuchsaufbau mit 2.000 per Zufallsstichprobe ausgewählten Arbeitslosen, 560 Euro steuerfrei monatlich vom 1.1.2017 bis 31.12.2018, Beschäftigung von durchschnittlich 78 Tagen und damit sechs Tagen mehr als in der Kontrollgruppe im Zeitraum November 2017 bis Oktober 2018, geringere psychische Belastung, Depression, Traurigkeit und Einsamkeit, höhere Lebenszufriedenheit, positivere Einschätzung der eigenen kognitiven Fähigkeiten, gestiegenes Vertrauen; Veröffentlichung der Endergebnisse am 6. Mai 2020, Endbericht als Bericht des Sozialministeriums 2020:15

Stand der Angaben: 2. September 2026. Die Unterschriftenzahlen der Volksbegehren stammen aus der Berichterstattung über die amtliche Verlautbarung.

Häufig gestellte Fragen

Was macht ein Grundeinkommen bedingungslos?

Es wird ohne Bedürftigkeitsprüfung, ohne Gegenleistung und ohne Verpflichtung zur Arbeitssuche ausbezahlt - individuell an jede Person, nicht an den Haushalt.

Was hat der finnische Versuch ergeben?

Die Teilnehmenden arbeiteten über zwölf Monate 78 Tage, sechs mehr als die Kontrollgruppe - ein sehr kleiner Effekt. Deutlich waren dagegen die Verbesserungen bei psychischem Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit.

Gab es in Österreich Volksbegehren dazu?

Ja, zwei. Das erste verfehlte 2019 die Hürde von 100.000 Unterschriften. Das zweite im Mai 2022 überschritt sie und wurde im Parlament behandelt, führte aber zu keiner Umsetzung.

Was kostet ein Grundeinkommen?

Das hängt vollständig von Höhe und Ausgestaltung ab. Seriöse Kostenangaben sind ohne Angabe des Modells, der Höhe und der wegfallenden Leistungen nicht möglich.

Was ist eine negative Einkommensteuer?

Ein verwandtes Modell: Unterhalb einer Einkommensgrenze zahlt der Staat aus statt einzuheben. Der Auszahlungsbetrag sinkt mit steigendem Einkommen, statt für alle gleich zu sein.

Ersetzt ein Grundeinkommen die Sozialhilfe?

In den meisten Modellen ja, zumindest teilweise. Genau darin liegt ein Kernstreitpunkt, weil bedarfsorientierte Leistungen individuelle Notlagen abdecken, die eine Pauschale nicht erfasst.