Euribor: wie aus dem Referenzwert ein Kreditzins wird
Zwanzig Panelbanken, fünf Laufzeiten. Für den eigenen Kredit zählt aber, welche Laufzeit, welcher Anpassungstermin und welcher Aufschlag vereinbart sind.
Der Euribor ist ein Referenzwert, kein Preis. Er beschreibt, zu welchen Sätzen Banken einander unbesichert Geld in Euro leihen, und er taucht in österreichischen Kreditverträgen als Bezugsgröße für variable Zinssätze auf.
Für den eigenen Kredit ist die Höhe des Euribor deshalb nur die halbe Information. Die andere Hälfte steht im Vertrag: welche Laufzeit herangezogen wird, wann angepasst wird und welcher Aufschlag dazukommt.
Wer ihn feststellt
Administrator ist das European Money Markets Institute. Die Berechnung übernimmt seit Juli 2014 Global Rate Set Systems. Grundlage sind Meldungen von 20 Panelbanken, ausgewertet nach einer hybriden Methodik, die auf tatsächliche Transaktionen abstellt und erst nachrangig auf andere Verfahren zurückgreift.
Veröffentlicht wird an jedem TARGET2-Geschäftstag um oder kurz nach 11:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit, und zwar für fünf Laufzeiten: eine Woche sowie ein, drei, sechs und zwölf Monate. Die Europäische Kommission hat den Euribor 2016 als kritischen Referenzwert eingestuft, womit er den strengeren Anforderungen der europäischen Benchmark-Regulierung unterliegt.
Für Österreich sind in der Praxis zwei Laufzeiten relevant: der Drei-Monats-Euribor bei quartalsweiser Anpassung und der Zwölf-Monats-Euribor bei jährlicher.
Wie daraus ein Kreditzins wird
Ein variabler Kreditzins besteht aus zwei Teilen:
Referenzwert plus Aufschlag. Der Referenzwert bewegt sich, der Aufschlag ist über die Laufzeit in aller Regel fest. Ein Vertrag mit “3-Monats-Euribor plus 1,25 Prozentpunkte” ergibt bei einem Referenzwert von 2,60 Prozent einen Sollzinssatz von 3,85 Prozent.
Daraus folgt die wichtigste Konsequenz für Verhandlungen: Verhandelbar ist der Aufschlag, nicht der Euribor. Ein Angebot lässt sich nur vergleichen, wenn beide Bestandteile genannt sind. Wer zwei Angebote mit demselben Sollzinssatz, aber unterschiedlichem Aufschlag vor sich hat, hat nicht dasselbe Produkt vor sich.
Vier Vertragsdetails entscheiden darüber, wie eine Bewegung des Referenzwerts bei der Rate ankommt:
| Detail | Wirkung |
|---|---|
| gewählte Laufzeit | Drei-Monats-Werte schwanken stärker und schneller als Zwölf-Monats-Werte |
| Anpassungstermin | quartalsweise, halbjährlich oder jährlich |
| Stichtag | welcher Tageswert herangezogen wird, etwa der Durchschnitt eines Monats oder ein fixer Tag |
| Rundung | viele Verträge runden auf ein Achtel oder ein Viertel Prozent |
Deshalb steigt der Kreditzins nicht am Tag, an dem der Euribor steigt. Bei quartalsweiser Anpassung kann zwischen der Bewegung und der neuen Rate ein Vierteljahr liegen.
Die Untergrenze
Viele Verträge enthalten eine Klausel, die den Referenzwert bei null kappt. Fällt der Euribor unter null, bleibt es beim Aufschlag allein; der Kunde profitiert von negativen Werten also nicht weiter. Ob eine solche Untergrenze vereinbart ist, steht im Vertrag und sollte vor Abschluss geprüft werden, weil sie in Niedrigzinsphasen den Unterschied macht.
Für Sparzinsen gilt die umgekehrte Logik, die unter Sparzinsen beschrieben ist: Dort geht es um die Frage, was eine Bank bei Zinsanpassungen darf.
Der Wert allein sagt wenig
Ein Blick auf den Tageswert beantwortet die Frage nach der eigenen Rate nicht. Zwei Größen fehlen dafür:
- Der Aufschlag, der von der Bonität, der Besicherung und der Beleihungsquote abhängt.
- Der effektive Jahreszins, der alle Nebenkosten enthält und die einzige vergleichbare Größe zwischen Angeboten ist.
Beim Vergleich variabler Angebote ist zusätzlich zu bedenken, dass der effektive Jahreszins auf dem heutigen Referenzwert beruht. Er ist eine Momentaufnahme, keine Prognose. Wie Rate und Gesamtkosten aus Betrag, Zins und Laufzeit entstehen, lässt sich mit dem Kreditrechner durchspielen.
Was seit Juli 2025 für die Vergabe gilt
Für Wohnimmobilienkredite galt von August 2022 bis 30. Juni 2025 die KIM-Verordnung der Finanzmarktaufsicht mit drei verbindlichen Werten: mindestens 10 Prozent Eigenmittel, höchstens 40 Prozent Schuldendienstquote und höchstens 35 Jahre Laufzeit. Sie ist planmäßig ausgelaufen und wurde nicht verlängert.
Seit 1. Juli 2025 gilt an ihrer Stelle ein Rundschreiben der FMA zur soliden Vergabe von Wohnimmobilienkrediten. Es nennt dieselben Größenordnungen, ist aber keine Verordnung, sondern eine Erwartungshaltung der Aufsicht: Banken dürfen davon abweichen, solange die Vergabe insgesamt solide bleibt, und das Rundschreiben beschreibt die Voraussetzungen für solche Abweichungen.
Für Kreditnehmer heißt das: Die Grenzen sind weicher geworden, aber nicht verschwunden. Ob ein Institut abweicht, entscheidet es selbst, weshalb sich ein Vergleich mehrerer Banken seit Juli 2025 eher lohnt als davor. Die Anforderungen an eine Wohnfinanzierung stehen unter Wohnkredit.
Wo der aktuelle Wert steht
Die verbindliche Quelle ist der Administrator selbst. Tageswerte, historische Reihen und die Methodik stehen bei EMMI. Anfang September 2026 lag der Drei-Monats-Euribor bei rund 2,6 Prozent und der Zwölf-Monats-Euribor bei rund 3,0 Prozent; solche Werte ändern sich täglich und taugen nur als Größenordnung.
Wer eine bestehende Finanzierung prüft, sollte nicht den Tageswert vergleichen, sondern den im Vertrag genannten Stichtagswert der letzten Anpassung. Nur der erklärt die aktuelle Rate.
Quellen
- European Money Markets Institute: Euribor, Administration, Laufzeiten und Methodik, abgerufen am 04.09.2026
- Finanzmarktaufsicht: Wohnimmobilienkredite, Rundschreiben zur soliden Vergabe seit 01.07.2025
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Häufig gestellte Fragen
Wer legt den Euribor fest?
Das European Money Markets Institute als Administrator, berechnet wird er seit Juli 2014 von Global Rate Set Systems. Grundlage sind Meldungen von 20 Panelbanken nach einer hybriden Methodik.
Welche Laufzeiten gibt es?
Fünf: eine Woche sowie ein, drei, sechs und zwölf Monate. Für Kredite in Österreich sind der Drei-Monats- und der Zwölf-Monats-Euribor am gebräuchlichsten.
Wann wird er veröffentlicht?
An jedem TARGET2-Geschäftstag um oder kurz nach 11:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit.
Warum steigt mein Kreditzins nicht sofort, wenn der Euribor steigt?
Weil der Vertrag einen Anpassungstermin und einen Stichtag festlegt. Bei einem Drei-Monats-Euribor mit quartalsweiser Anpassung wirkt eine Änderung erst zum nächsten Termin, bezogen auf den Wert des vereinbarten Stichtags.
Was ist der Aufschlag?
Die Marge der Bank, die zum Referenzwert addiert wird. Sie bleibt über die Laufzeit in der Regel fest, während sich der Referenzwert bewegt. Der Aufschlag ist der Teil, über den verhandelt wird.
Kann der Kreditzins unter null fallen?
Nur wenn der Vertrag das zulässt. Viele Verträge enthalten eine Untergrenze, die den Referenzwert bei null kappt, sodass nur noch der Aufschlag bleibt.